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Parfum

Die Welt des Parfum

von Marie-Christine Grasse,
Leitende Kuratorin des Museums der Stadt Grasse (bis 2011)

Tour de Provence: Das Parfum.

Autor:
Produziert für:

Bert Schwarz
reisemagazin.tv

Wenn ein Tourist Grasse unvorbereitet und mit der Erwartungshaltung «... mal gucken, ob's da hübsch ist» besucht, tut sich selbst keinen Gefallen und wird der Stadt und ihren Bewohnern in keiner Weise gerecht. Weiss man aber, dass Grasse seit dem Mittelalter eine internationale Wirtschaftsmetropole ist, lässt sich der ununterbrochene Strom der Zeit als Teil der Gegenwart fühlen, riechen und erleben.

Und das ist seine Geschichte: ...

Parfum und sein Gebrauch gehen weit zurück in die Vergangenheit und entwickeln sich mit der Zivilisation weiter. Die ersten Objekte, die als Parfum oder Kosmetikbehältnisse angesehen werden könnten datieren zurück nach ungefähr 7000 v.Chr. Elegant und sorgfältig dekoriert stellen sie unzweifelhaft Luxusgegenstände für eine Elite dar und werden rund ums Mittelmeer immer wieder gefunden. Diese Zivilisationen nutzten verschiedene Duftmaterialien, besonders Harze. Diese wurden häufig benutzt von ungefähr 4000 v.Chr. an für rituelles Räuchern in Gefässen oder Brennern für die Götter oder königliche Familien.

Die Ägypter verstanden es, Düfte in Fetten und Ölen zu binden oder durch kaltes Quellen oder Sieden, aber sie wussten nichts über das Destillieren. Die Produkte, die entstanden, waren weit entfernt von der geruchlichen Macht unserer heutigen Parfume, aber sie waren unglaublich beliebt.

Diese Kunst, die sich noch nicht ins Weltliche durchgesetzt hatte, verschwand zum Ende der Bronzezeit um 1200 v.Chr. Einige Techniken, die durch orientalische Traditionen beeinflusst waren, hielten sich in einigen Gebieten rund ums Mittelmeer und waren die Keimzelle für die Geburt eines neuen Zeitalters des Parfum im Ersten Jahrtausend.

Es begann erst wieder zu der Zeit der Archaischen Periode etwa im 6. Jahrhundert v. Chr., als Düfte demokratischer wurden. Zu der Zeit wurden sie in einfachen Behältnissen aufbewahrt, z.B. aus Alabaster. Zu der Zeit waren Düfte die beherrschende Marktmacht für geheiligte, therapeutische, kosmetische Anwendungen und zum Kochen - ein Status, der das ganze Mittelalter lang in allen Zivilisationen Bestand hatte. ´ Bei den Atzteken, im Orient und in Europa komponierten Menschen Mischungen mit einem tollen Geschmack oder medizinischer Wirkung.

In Grasse wurden diese Basismaterialien hauptsächlich in der gerade entstehenden Parfumindustrie genutzt.

Obwohl natürliche Düfte aus Gewürz, Blumen, Mineralien und Pflanzenölen hergestellt werden, wurden parfumierte Öle oder Wasser hergestellt, die durch Dekantieren, Quellen und Filtrieren erzeugt wurden. Die Entwicklung des Parfums war stark an die Entwicklung von Destillierungstechnologien gebunden, die sich zusammen mit der Nutzung des Destillierapparates verbreitete. Alchemie und die Übersetzung von arabischen Beschreibungen durch Physiker an der Schule von Salerno im 12. Jahrhundert und ihre Verbreitung nach Andalusien im 13. Jahrhundert taten ein Übriges. In Salerno wurde im 12. Jahrhundert der Alkohol erfunden, aber bis ins 15. Jahrhundert nur für medizinische Zwecke angewandt. Im 16. Jahrhundert erst verbreitete sich seine Nutzung sehr schnell in der Parfumherstellung.

Die Französische Revolution ruinierte zwar die Parfumhersteller aberbeseitigte keinswegs das Interesse an Parfum. Nach dem Terror parfumierten sich die Menschen mehr als je zuvor. Die Industrie war einer fundamentalen Veränderung unterworfen und in Grasse war es eine grosse intellektuelle und soziale Ära. Drückende Steuerlast führte schnell zu einer sich verkleinernden Gerbereiindustrie und einem Wachsen der Parfumherstellung, die sich durch die Verbesserungen der Produktionsprozesse entwickeln konnte.

In Europa stand das 18. Jahrhundert für die Änderung der Branchen von der Handschuh- zur Parfumherstellung. Im 19. Jahrhundert gab es wieder Veränderungen von den ursprünglich eher handwerklichen zu hochindusustrialisierten Produktionsprozessen.

Zur gleichen Zeit in Afrika: die Parfumherstellung konzentriert sich auf die grossen Küstenstädte Ostafrikas. Aber man fand auch Fertigungsstätten im Inneren dieses mysteriösen, primitiven und unbekannten Kontinents. Parfume und «Halbfertigprodukte» von Duftpflanzen wurden immer wieder für magische und therapeutische Anwendung genutzt - sowohl im ländlichen, als auch im städtischen Umfeld. Im 20. Jahrhundert kam in Flaschen importiertes Parfum immer mehr in Mode und so zum Synonym für gesellschaftlichen Erfolg in Grosstädten, wie auch in im Hinterland liegenden Orten.

Schlussendlich ging im Westen die Globalisierung Hand in Hand mit Fortentwicklung der Parfumindustrie und erschuf einheitliche Gebräuche und eine Vereinheitlichung in allen Grossstädten der Welt. Frankreich spielte in diesem «Grossen Jahrhundert» ein Schlüsselrolle durch die Unterstützung aus Grasse, dem früheren Nabel der Welt für natürliches Rohmaterial für Parfum und Parfumderivate und Paris, der Welthauptstadt der Mode. Zu beginn jenes Jahrhunderts war die Parfumindustrie in Grasse durch die Verarbeitung von Naturprodukten gekennzeichnet und hatte so ein echtes Weltmonopol.

Zum Ende jenes Jahrhunderts spielten Naturprodukte zwar immer noch eine tragende Rolle des Geschäftes in Grasse, herkömmliche lokale Lieferanten wurden jedoch weniger. Parfummischungen und Aromen wurden immer mehr entwickelt, jedoch reklamierte die Stadt immer noch den Titel «Stadt des Parfums» für sich. Die moderne Parfumindustrie, die Ende des 19. Jahrhunderts die ersten synthetischen Produkte entwickelt hatte, blühte während des 20. Jahrhunderts auf. Das beruhte auf der Entdeckung von Duftstoffen durch die Forschung in der organischen Chemie. Und die kombinierte nun ihre Produkte mit solchen aus der Natur, die nicht ersetzt werden konnten. Houbigant und Guerlain waren die Ersten, die synthetische Produkte einführten, Fougère Royale 1884 und Jicky 1889. Letzteres wird als das erste moderne Parfum bezeichnet und feiert die Entdeckung des Vanillin. Sie ebneten den Weg für die grossartigen Kreationen des 20. Jahrhunderts.

François Coty, der Vater der modernen Parfumindustrie war ein bahnbrechendes Genie und Industrieller. Er nahm bereitwillig die natürlichen «Absoluten» , die durch das Perfektionieren des Extrahierens ätherischer Aromen gewonnen wurden und verband sie mit neuen sythetischen Anteilen. Diese Technik wird noch heute genutzt, um Parfums zu kreieren und es erlaubt den Parfumeuren Düfte zu erschaffen, die untrennbar mit ihrem Namen verbunden sind. Auch verhilft es den Flaschenherstellern, einen passenden Behälter zu designen, um die Wirkung der Marke so gross wie möglich zu machen. Nach der kreativen Verbreitung, bei der der Preis keine Rolle spielte und der Verkauf elitär war, wurde Parfum in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts praktisch für Jeden erschwinglich - mit dem einhergehenden Verfall der Einzelhandelspreise. Immer mehr Parfums wurden auf den Markt gebracht - mit unterschiedlichem Erfolg. Der Lebenszyklus eines Produktes wurde immer kürzer.

Ausser bei ein paar Ausnahmen entwickelte sich die Parfumindustrie von aussergewöhnlich zu alltäglich und von hyper-auserlesen zum Massenprodukt. Jedoch haben es ein paar Zivilisationen geschafft, sich von der Globalisierung abzukoppeln. In Ozeanien reiben sich die Menschen ihr Haar und ihren Körper mit Pflanzen ein, die wegen ihres Duftes ausgesucht wurden. Und Asien ist immer noch das Synonym für Blütenverwendungen, frische Blumen sind omnipresent im täglichen Leben und der Religion.

Duft hat die Macht zu verführen und zu erfrischen. Leibesübungen in Verbindung mit Parfum sind wie eine Landkarte, auf der man das soziale Leben in den Arabischen Emiraten nachvollziehen kann. Allmählich beginnen Düfte in China eine Rolle als Ausdruck besonderer Persönlichkeit zu spielen, wie es im Westen bereits der Fall ist.

Parfum besitzt einen therapeutischen, ästhetischen und rituellen Wert. Es gehört zu Verführung und Erotik, es ist eine Art, die Götter zu preisen und etwas für die Reinigung. Es erzeugt eine angenehme Atmosphäre oder mit einer sorgfältig kalkulierten Dosis Geruchsmarketing einen Schubs, etwas zu kaufen. Es lässt Sinne und Erinnerungen wach werden und eröffnet dabei die ganze Welt. Es ist ein elementares Werkzeug der Stärke, das die Welt nicht verändert, aber seine Atmosphäre radikal ändert.

Aus dem Englischen übertragen und redaktionelle Bearbeitung von Bert Schwarz

Wichtige Adressen
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